David Ortmann: Schachurlaub am Tegernsee
 

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Vom 29.10.2011 bis zum 06.11.2011 fanden heuer die 15. Internationalen Bayerischen Schach Meisterschaft (kurz: die OIBM 2011) statt. 
Eine kleine aber feine Delegation des SC-Böblingen, bestehend aus Manfred Aab, Ralf Müller und David Ortmann, machte sich auf den Weg in den 
beschaulichen Kurort Bad Wiessee am Tegernsee, 50km südlich von München gelegen. Seit nunmehr fünfzehn Jahren handelt es sich um eines der 
beliebtesten Turniere im deutschen Turnierkalender, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass Jahr ein Jahr aus die maximale Teilnehmerzahl 
von 450 bereits Wochen vor dem „Anpfiff“ erreicht ist. 
 
Zu dem in den meisten Bereichen positiven Traditionsbewusstsein der Organisatoren gehört leider auch, dass bei den OIBM die Setzliste nicht 
anhand der internationalen Wertungszahl (ELO), sondern nach der deutschen Wertungszahl (DWZ) erstellt wird und dass das sehr große 
Teilnehmerfeld nicht, wie inzwischen bei fast allen Turnieren üblich, in verschiedene Spielklassen unterteilt wird, was dazu führt, 
dass sich ein sehr heterogenes Teilnehmerfeld entwickelt. Die Folge hiervon ist, dass es praktisch bis zum Ende des Turnieres immer
wieder Paarungen mit zum Teil deutlichen Spielstärkeunterschieden gibt.
 
Aus der erwähnten auf der DWZ beruhenden Auslosung ergaben sich also folgende Setzplätze für die Spieler des SC-Böblingen: 
Platz 48: Ortmann; Platz 51 Müller und Aab Platz 429. In der Endtabelle wurden folgende Plätze erreicht: Müller: Platz 35 
Ortmann: Platz 51 Aab: Platz 343 (!) Während Müller sich also leicht verbessern konnte, Ortmann mehr oder weniger auf dem Setzlistenplatz
einkam, schloss Manfred Aab das Turnier um beinahe 100 Plätze besser ab. 
 
Wie schon an den nackten Zahlen ablesbar spielte Ralf Müller ein sehr gutes Turnier. Er gewann die ersten drei Partien souverän 
und durfte in der vierten Runde zum Lohn gegen den ehemaligen Weltmeisterkandidaten Andrei Sokolov antreten. 
Wer dachte, dass dies eine leicht Übung für den ehemaligen Weltklassespieler werden würde, sah sich getäuscht. Denn es war Müller, der mit den
weißen Steinen in der katalanischen Eröffnung die Initiative übernahm. Unter Druck zeigte Sokolov jedoch seine ganze Klasse und riss die Initiative 
seinerseits durch ein Qualitätsangriff an sich. Obwohl sich die Stellung danach wohl objektiv im Gleichgewicht befand, war es nun für Weiß 
unheimlich schwer, sich dem geänderten Stellungscharakter anzunehmen, was letztlich dazu führte, dass sich die Klasse des Großmeisters durchsetzte.
 
Partie Müller - Sokolov  Online Nachspielen
 
Nach diesem ersten kleineren Rückschlag zeigte sich Müller jedoch, wahrscheinlich auch durch die morgendlichen Spaziergänge am Tegernsee 
und in den Voralpen bei bestem, fast spätsommerlichem Wetter bestens erholt und so kam es in der sechsten Runde zum nächsten Duell mit einem 
sehr starken Großmeister, der zu diesem Zeitpunkt ebenso wie Müller vier von fünf möglichen Punkten auf seinem Konto hatte. Auch in der Partie 
gegen GM Zakhartsov wählte Müller die Katalanische Eröffnung, was nach logischem Eröffnungsverlauf zu einem gleichstehenden Endspiel führte. 
Diesmal behielt Müller die Nerven, wehrte alle (verzweifelten) russischen Gewinnversuche ab. Der verdiente Lohn: Ein halber Punkt und eine ordentliche 
Portion Schweinshaxe beim abendlichen Besuch des sehr rustikalen Braustüberls in Tegernsee. Leider konnte Müller das angeschlagene Tempo nicht 
ganz halten und gab in der achten Runde gegen einen schwächeren Gegner, aber immerhin auch noch einen Fide-Meister, ein Remis ab. Durch einen 
souveränen Schlussrundenerfolg erreichte er wie eingangs erwähnt einen guten 35. Platz. 
 
In umgekehrte Reihenfolge verlief mein eigenes Turnier. Gleich in der ersten Runde „erwischte“ es mich und ich konnte gegen ein 13-jähriges bayerisches 
Schachtalent keine entscheidende Vorteile erreichen, sodass ich schließlich das dritte(!) Remisgebot meines Gegners akzeptierte. Nach Sieg, Remis und zwei 
weiteren Siegen rangierte jedoch auch ich wie Müller bei 4 von 5 möglichen Punkten, was auch mir meine erste „Legende“ als Gegner bescherte. 
Und zwar den unverwüstlichen Ulf Andersson, der ebenso wie Sokolov in den achtziger Jahren zur absoluten Weltspitze gehörte und praktisch mit allen modernen 
Weltmeistern die Klingen gekreuzt hat (wovon ich mich bei der abendlichen Vorbereitung vergewissern konnte). Da in Bad Wiessee traditionell nur eine Partie gespielt 
wird, bleibt im Gegensatz zu anderen Turnieren hier genügend Zeit für eine gute Vorbereitung, besonders natürlich bei einem so prominenten Gegner wie Andersson, 
der weit über 2000 Partien in der Datenbank hat. 
 
Also bereitete ich mich gewissenhaft vor, weswegen mich auch seine Eröffnungswahl (Ein Igel mit Doppelfianchetto) nicht aus der Bahn warf, obwohl er diese Abspiel 
das letzte Mal in den Achtzigern gegen Karpov (!) auf dem Brett hatte. Nach akkurater Eröffnungsphase und leicht besserer Stellung für Weiß offerierte Andersson 
eingangs des Mittelspiels selbst die Punkteteilung. Nach der Partie fielen mir direkt zwei Dinge auf: 1. Die Freundlichkeit Anderssons, keine Spur von Arroganz also 
und 2. Das nahezu akzentfreie Deutsch, mit dem er mir begeistert berichtete, dass er die Schlussstellung vor vielen Jahren analysiert habe. Der einzige 
Wehrmutstropfen bestand für mich darin, dass es sich um ein relativ kurzes Aufeinandertreffen mit dem einst besten Fernschachspieler der Welt handelte.
 
Aber am nächsten Tag würde ich schon die nächste Chance bekommen, wartete da doch mit dem amtierenden deutschen Meister Igor Khenkin ein ganz ähnliches Kaliber 
auf mich, das noch dazu nicht so friedlich gestimmt sein würde. Wenigstens bekam ich wieder die weißen Steine zugelost, was dazu führte, dass ich den GM in Diensten 
des Westzweitligisten Wiesbaden mit einer selten gespielten Variante bereits im dritten Zug zum eigenständigen Nachdenken zwingen konnte. Schließlich entstand 
mehr oder weniger forciert ein Endspiel, in dem ich einen Mehrbauern, dafür aber auch eine zerstörte Bauernstruktur hatte, was letztlich zu einer in etwa ausgeglichenen
Stellung führte. Im weiteren Verlauf gelang es mir dann auch, meinen Mehrbauern unter günstigen Bedingungen wieder abzugeben, sodass ich das Spiel komplett 
ausgleichen konnte. Als es dann bei beiderseitig knapp werdender Zeit „nur“ noch darum ging, die letzten Klippen zu umschiffen, spielte Khenkin allerdings sehr 
ideenreich und stellte mir maximale Probleme, so dass ich tatsächlich noch den Überblick verlor und mich zu allem Überfluss noch einzügig Matt setzen ließ 
(und das im Endspiel). 
 
Aber nach kurzer Enttäuschung brachte auch mich die abendliche Schweinshaxe und das „Helle“ wieder in die Spur, sodass ich am nächsten Tag mit Schwarz den 
soliden Senior Albert Lutz glatt besiegen konnte. Da dieser jedoch keinen Titel besaß, war zu diesem Zeitpunkt auch die letzte Gelegenheit, eine IM-Norm zu erspielen, 
passee, da ich nun nicht mehr genug Titelträger bekommen würde. Auch eine der Folgen der eingangs kritisierten Entscheidung seitens der Turnierorganisation, 
es bei einem sehr großen Teilnehmerfeld zu belassen. ( Dass es hingegen trotzdem möglich war, eine IM-Norm zu erzielen, bewies der bayerische Jugendspieler 
Maximilian Berchtenbreiter auf sehr beeindruckende Art und Weise. Er Schlug die starken deutschen Großmeister Hertneck und Kunin und musste sich nur dem 
Ex-Knockout-WM-Halbfinalisten Nisipeanu und der größten ukrainischen Schachhoffnung Ilya Nyzhnyk geschlagen geben.) Trotz der vergebenen Chance wollte ich 
natürlich das Turnier mit einem Sieg abschließen, was mir jedoch wegen eigener Schachblindheit versagt blieb. In einem „Stonewall“, einer Eröffnung, bei der sich 
der Schwarze im Zentrum mit den Bauern c6-d5-e6-f5 aufstellt, erreichte ich aufgrund des schwachen Spiels meines Gegners eine strategische Gewinnstellung, 
da es mir gelang, drei Leichtfiguren so zu tauschen, dass ich einen Springer gegen seinen sehr schlechten weißfeldrigen Läufer behalten konnte. Als es nun aber 
darum ging, die Früchte einzufahren unterschätze ich die praktisch einzige taktische Ressource des Schwarzen, was letztendlich dazu führte, dass ich meinen Springer 
gegen seinen Läufer tauschen musste. Nach einer weiteren Ungenauigkeit beschloss ich mein Glück nicht weiter heraus zu fordern und bot Remis was mein Gegner 
akzeptierte. 
 
Der dritte im Bunde, Manfred Aab, verbesserte sich, wie eingangs erwähnt, am stärksten. Wie intensiv das Turnier für Aab gewesen ist, zeigt sich schon in der 
Tatsache dass alle seine neun Gegner eine höhere Wertungszahl aufwiesen, was zwar zum Teil den Druck nimmt, andererseits muss man sich aber jeden halben Punkt 
hart verdienen. Dies gelang Manfred vor allem in der Mitte des Turniers vorzüglich, als er einen Zwischenspurt von 3 ½ aus 5 einlegte und dabei auch deutlich 
höher bewertete Spieler schlagen konnte. Zeichnen vielleicht auch hier die täglichen Spaziergänge mit dem Bundesligaspieler Müller verantwortlich? 
Dass sogar noch eine bessere Platzierung möglich gewesen wäre, zeigt die Tatsache, dass Manfred seine 3,5 Punkte bereits nach sieben Runden zusammen gesammelt 
hatte. Mit nur einem halben Punkt aus den letzten beiden Partien hätte er sich einen Platz auf dem Treppchen in der Kategorie Bester Spieler unter 1600 sichern können, 
so blieb in dieser Kategorie nur der undankbare vierte Platz. Aber dieser Ausgang hatte auch sein Gutes: So konnte die Fahrgemeinschaft Müller/Aab noch vormittags 
die Heimreise antreten, statt auf die für 17:30 Uhr angesetzte Siegerehrung warten zu müssen. Leider zeigte sich auch hier die Turnierleitung wenig kompromissbereit 
und bestand drauf, dass man seinen Preis nur erhalten könne, wenn man bis zum Schluss anwesend sei, egal wie weit die Heimreise auch sein möge. In diesem Sinne war 
auch ich froh, dass ich keine Chance mehr auf einen Preis hatte, sodass ich irgendwann abends um 20 Uhr nach Marburg zurückkehrte, wo es sich
gleich auf die anstehende Uni-Woche vorzubereiten galt. Ja, man hat’s nicht leicht als Student
 
David
 
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